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Eine Schnitzeljagd mit 400 Studierenden?
20/10/2026
Der erste Tag an der Hochschule ist aufregend und einschüchternd. Neue Gesichter, unbekannte Gebäude, ein Stundenplan voller Fragezeichen. Wer sitzt neben mir im Hörsaal? Wo ist eigentlich die Bibliothek? Und wo bekomme ich hier einen Kaffee? Für viele Erstsemesterstudierende beginnt das Studium mit einem Gefühl der Orientierungslosigkeit – räumlich wie sozial. Genau hier wollen wir mit unserem Onboarding ansetzen.
Das Wie, Wo, und Was am Studienbeginn
Und ja, das ist keine Bauchgefühl-Sache: Wer sich vom ersten Tag an zugehörig fühlt, bleibt eher dran und ist zufriedener. Gerade im ersten Semester ist die soziale Einbindung ein echter Vorteil, wenn die Anforderungen noch ungewohnt und die Strukturen noch fremd sind. Gleichzeitig ist der Campus selbst ein Lernort, den man kennen muss, um ihn nutzen zu können: Prüfungsamt, Fachschaft, Labore, Bibliothek, Mensa… Wer diese Orte nicht kennt, kommt schlechter zurecht.
Das Problem: In einem klassischen Einführungsvortrag kann man nicht wirklich Leute treffen und das Gebäude lernt man auch nicht kennen. Man könnte an der Stelle ohne größeren Aufwand eine Campus Tour machen, aber die ist eine recht passive Informationsvermittlung. Und mit hunderten Bachelor-Erstsemestern ist sie auch nicht so leicht durchzuführen. Und aufgeteilt in Studiengänge hätten wir trotzdem z. B. 150 Wirtschaftsinformatikleute, die man schlecht als eine einzige Gruppe durch die Gegend lotsen kann. Und viele kleine Gruppen brauchen viele Begleitpersonen, die man erst einmal finden muss.
Unsere Lösung war eine Schnitzeljagd, die Teams von Erstsemesterstudierenden — je ca. 5 Personen — gemeinsam durch den Campus führt. Über eine eigens entwickelte Web-App bekommen die Teams Aufgaben gestellt: Multiple-Choice-Fragen über die Hochschule, Freitextaufgaben, das Scannen von QR-Codes an bestimmten Orten. Jede Aufgabe ist an einen konkreten Ort geknüpft — die Teams müssen also nicht nur nachdenken, sondern auch gemeinsam laufen, suchen, und entscheiden.
Dabei geht es uns gleichzeitig um das Kennenlernen der wichtigen Orte und der Wege dorthin, und um das Kennenlernen der Mitstudierenden. Die Aufgaben an sich sollen dabei als Gesprächsanstoß dienen und nicht unbedingt eine echte Hürde darstellen.
Beim ersten Probelauf zu Beginn des Sommersemesters 2026 mit rund 60 Masterstudierenden hat das Konzept funktioniert. Jetzt wollten wir das hochskalieren: auf ca. 350 Leute, die in den Bachelor starten.
Orga-Probleme gelöst durch Spieledesign
Egal was man mit den 350 Leuten macht, ein paar Probleme gibt es aufgrund der Menge immer. Einige davon sind offensichtlich, nach etwas Nachdenken aber recht leicht lösbar.
Das Problem, dass man beim Vorab-Durchspielen des Tages vermutlich als erstes feststellt: Die 350 Leute, laufen, wenn Sie an demselben Punkt starten, trotzdem alle Stationen der Schnitzeljagd als ein großer Pulk ab, auch wenn sie formal in kleine Teams eingeteilt sind. Aber die Lösung ist klar: Wir randomisieren die Reihenfolge der Aufgaben. Bei ca. acht Stationen sind es dann doch trotzdem noch etwa 50 Leute, die etwa zur selben Zeit an demselben Ort sein könnten. Die Mischung sorgt aber für unterschiedliche Laufwege; und mit leicht unterschiedlichen Aufgaben pro Ort (dazu später mehr) entzerrt sich das Ganze noch ein bisschen weiter. Sicher noch optimierbar, aber passt.
Ein anderes Problem: Es soll nach der Schnitzeljagd mit dem Programm weitergehen. Wenn wir jetzt ca. 70 Teams losschicken, wie können wir garantieren, dass alle zum nächsten Programmpunkt wieder in den Hörsälen sitzen? Unsere Lösung: Wir haben die Schnitzeljagd direkt vor der Mittagspause eingeplant. So hatten die Studis nicht nur 40 Minuten (minus kurze Einführung) mit hartem Anschlag für die Schnitzeljagd, sondern gut 90 Minuten für Schnitzeljagd + Mittagessen.
Außerdem sollte die Mensa — die sich in demselben Gebäude befindet wie unsere Zentralbibliothek — sowieso eine Station der Schnitzeljagd bilden. Wir konnten diesen gemeinsamen 90-Minuten-Slot deswegen noch ein bisschen glätten: Alle Stationen waren zufällig, außer der Mensa. Die war immer die letzte. Das haben wir am Anfang auch gesagt, damit die Teams sich die 90 Minuten besser einteilen konnten.
Soweit so gut, aber das echte, große Organisationsproblem befand sich am Start — bzw. davor. Wir mussten:
1. Die Studierenden in Teams einteilen.
2. Sie physisch aus dem Hörsaal heraus und zu ihren Teammitgliedern hinführen.
3. Jedes Team mit seinen Login-Daten für die Web-App ausstatten.
Die naheliegende Lösung für alle Schritte hier ist, die Leute beim Verlassen der Hörsäle in Fünfergruppen einzuteilen und ihnen einen Zettel mit den Login-Daten in die Hand zu drücken. Streng genommen muss man hier darauf achten, dass es pro Gruppe ein Smartphone gibt; aber im Jahr 2026 kann man das vermutlich einfach annehmen.
Die Einteilung in dieser Form hat wunderbar geklappt. Nur sehr wenige Leute haben sich geziert, mit anderen zusammengesteckt zu werden; und es gab’ sogar einige Vierer- und Fünfergruppen, die sich schon vorab gebildet hatten. Damit bleibt aber ein 4. Schritt in der Einteilung offen:
Wenn wir das einfach so machen, bleiben die Leute direkt vor den Hörsälen stehen, um sich einzuloggen und sich mit der Schnitzeljagd-Web-App zu beschäftigen. (Und hoffentlich auch, Namen auszutauschen und sich zu unterhalten.) Beim größten Hörsaal sind das dann bis zu 250, die alle fast gleichzeitig aus der Tür rausgehen und erst einmal stehen bleiben.
Meine naive Idee war, die Passwörter für den Login an diversen Orten im Gebäude aufzuhängen und die Teams auf diesem Weg zu zwingen, schnell von den Hörsälen weg und zu diesen Startorten hinzugehen. Zusätzlich würden dadurch auch die Laufwege zu den ersten Stationen der Schnitzeljagd noch einmal ein bisschen variiert.
Unser Entwickler der Web App, Alexander Döschl, hat dann berechtigterweise angemerkt, dass es — auch wenn es hier nicht um sensible Daten geht — nicht so gut ist, Passwörter in der Öffentlichkeit auszuhängen. Insbesondere an einer Informatikfakultät. Seine Lösung war dann, an diesen Startorten ein **zweites** Passwort zu zeigen. Effektiv wird daraus die nullte Station innerhalb der Schnitzeljagd.
Nach ein bisschen Planen und Überlegen haben wir uns dafür entschieden, jedem Startpunkt ca. drei Teams zuzuweisen. Das war eine gute Mischung aus möglichst wenig Startpunkten (= wenig Organisationsaufwand) und wenigen Teams pro Startpunkt (= weniger Gedrängel). Wir haben die groben Standorte dieser Startpunkte dann während der Einführung auf einer Karte markiert. Zusätzlich haben wir alles farblich markiert. Drei Bachelor-Studiengänge: grün, blau und rot. (Und die zweiten Passwörter an den Startorten waren dementsprechend dann selbstverständlich die Namen von Gras-, Wasser- und Feuer-Pokémon.) So konnte man leicht nach einem farbigen Zettel mit der passenden Startpunktnummer Ausschau halten.
Und es hat, zumindest unserem Eindruck nach, bei allen super geklappt! Alle Teams sind munter und sich unterhaltend losmarschiert.
Und der letzte Punkt zur Organisation: Wir hatten alle Stationen, bis auf die Mensa, in unserem Hauptgebäude gewählt. Das hat die Personendichte, die uns in den bisherigen Überlegungen ja beschäftigt hatte, zwar erhöht. Aber wir wollten den Bachelor-Erstsemester nicht zumuten, groß nach anderen Gebäuden zu suchen.
Das war bei den Master-Erstsemestern anders. Für die haben wir die Schnitzeljagd aus dem Sommersemester im Wesentlichen 1-zu-1 übernommen. Insbesondere waren die Teams gemischt aus Studierenden, die vorher bereits an der HM waren, und Leuten, die neu an der Fakultät sind. Zudem sind sie auch älter und mit Abläufen an Hochschulen vertrauter. So konnten wir sie z. B. zum T-Bau schicken: Ein Gebäude, das man nur finden kann, wenn man schon einmal dort war.
Heiße Preise
Zu den Aufgaben der Schnitzeljagd gibt es wenig zu sagen. Das Ziel war, dass die Studierenden die Orte finden und tatsächlich dort hingehen. Die Aufgaben selbst waren dann nur minimale Hürden. Sie waren in der Form “Finden Sie heraus, ob der Raum neben der Fachschaft ein Hörsaal oder ein Labor ist” und man musste das Türschild des Raums lesen. Und wir haben den Studierenden auch klar gesagt, dass es um das Finden und Kennen der Räume geht; nicht um die Aufgaben.
Das Highlight hier: Wir haben für alle, die an der Schnitzeljagd teilnehmen — also potentiell über 400 Leute aus Bachelor und Master zusammen — Hoodies als Preise besorgt. Und das ergibt dann natürlich gleich wieder ein Orga-Problem: Wie bekommt man die alle an die Person? Wenn wir sie tatsächlich als Preise am Ende der Schnitzeljagd ausgeben, stehen ggf. alle 350 Bachelor-Studierenden gleichzeitig Schlange. Außerdem landenja alle am Ende in der Mensa. Wenn sie sich die Hoodies erst holen, bevor es mit den Vorträgen weitergehen soll, verzögert sich alles. Also haben wir daraus eine der Aufgaben gemacht:
“Finden Sie unser Sekretariat” hat die Web App als Auftrag gegeben. Dort angekommen fanden die Studis einen Aushang mit der Anweisung “Drehen Sie sich um, und holen Sie sich im Seminarraum gegenüber einen Hoodie”. Da diese Aufgabe wie alle anderen auch zufällig in der Schnitzeljagd platziert wurde, hat sich das Austeilen der Hoodies ganz gut über fast die gesamte veranschlagte Zeit verteilt. Der Stau im Flur war nicht ganz zu vermeiden, aber es lief glatt genug. Und die Leute sind von den Hoodies begeistert!
Alles in allem sind wir sehr glücklich damit, einen Modus gefunden zu haben, in dem wir hunderte von Erstsemesterstudierenden ohne Aufsicht aber trotzdem gezielt durch unser Gebäude schicken konnten.
Bernhard Werner